Rundbrief 4 - Marius im Irak 2
CPT-Rundbrief 4 - Marius im Irak 2 (18.06.2010)
"Es sollte nicht
zu politisch sein." Khalid, Direktor des
Jugendzentrums, ist klar: dies ist eine Ausstellung und ein Konzert in
Solidarität mit den Opfern der jüngsten iranischen Bombardierung. Kein Protest. "Die Veranstaltung ist drinnen, denn der
Bürgermeister war da ein bisschen zurückhaltend." Dieser Bürgermeister war
jedoch beim Konzert anwesend und hatte sich ziemlich militant gegen den
Iran geäußert, also, na ja, vielleicht war Khalid schon ein bisschen zu
vorsichtig.
Ein anderes Extrem ist
Muhammad, der Organisator des Protests gegen das ohrenbetäubende
Schweigen der kurdischen und irakischen Regierungen über die
Bombardierung. "Sie wollten mir keine
Erlaubnis geben", sagt er, "also ging ich ins Büro des
Sicherheitsdienstes sagte: Jetzt geben Sie mir die Erlaubnis, oder
verhaften Sie
mich auf der Stelle - das Protest wird ja weitergehen." Mit
Slogans wie "Die
kurdische Stille über den iranischen Beschuss zeigt den Faschismus in
beiden
Ländern" waren die Banner provokanter als das Protest selbst,
währenddessen Leute
in einer Art Open-Air-Theater saßen und mehrere Reden hörten, unter
welchen
eine meiner Kollegin Peggy.
Die kurdische
Regionalregierung hat sich - unter dem Druck der Bevölkerung - jetzt
relativ
stark gegen die iranische Bombardierung, den Beschuss und auch
Bodentruppen im Grenzgebiet (ein Toter, mehrere
Verletzte, Hunderte von
Flüchtlingen) geäußert, aber die Frage ist jetzt, was das
bringen wird. Irakisch-Kurdistan hat
keine militärischen Möglichkeiten. Die Zentralregierung in
Bagdad - geschweige denn die USA - scheint die Lage nicht so zu
interessieren. Iran war ziemlich still
über die Sache und sagte nur auf PJAK-Rebellen und Schmuggler zu
jagen.
Neben solchen Protesten und dergleichen,
verbringen wir die Tage mit schreiben, auf dem Laufenden bleiben und dem
so genannten "Kontakten knüpfen". Fast
jeden Tag haben wir
einen Termin mit dem einen oder anderen Gruppe die uns, als sehr
zugängliche ausländische Organisation, sehr interessant finden. Normalerweise, leitet das nicht zu besonderer
fruchtbaren Zusammenarbeit (viel vorkommender Punkt ist die
Enttäuschung unserer Gesprächspartner als sie entdecken, dass wir kein
Geld haben), aber es ist sehr interessant, so langsam zu entdecken, was
hier alles spielt: Geld für ehemalige Häftlinge von Saddam das bei korrupte Herrscher
stecken bleibt, Morddrohungen für marxistische Frauengruppen ("zum Glück
schützt der Geheimdienst uns"),
UN-Geld für Flüchtlinge das nie ankommt, israelische
Ausbildung für kurdische Rebellengruppen, etc.
Außerdem erzählt
Kollegin
Peggy, Großmutter aus Ohio, oft Geschichten über ihre Zeit in Bagdad
(2002-2006). Die Leute fragen mich
oft, oder ihre (Enkel-) Sohn bin. Ein weiteres Problem: Da ich
keinen Schnurrbart habe, werde ich oft (noch) jünger als ich bin
geschätzt.
Glücklicherweise waren die
letzten Tage ein bisschen weniger warm (38 Grad), und fand ich eine
Stelle auf dem Dach, wo es morgens Schatten gibt. Besonders von 3.00 bis
07.00 Uhr ist es sehr erträglich.
Heute ist Freitag,
und
deshalb haben wir frei. Die Pläne sind einen
Frisör zu finden (kurdisch: sartashkhana, wörtlich: "Kopfschneidplatz")
und später an der lokalen chaldäischen Kirche eine
Ausstellung zu besuchen. Die Gemeinde besteht
hauptsächlich aus Flüchtlingen aus dem Rest des Irak,
und sie spricht
arabisch, und dass kann ich auch, also das ist schön.
So weit,
khowa Hafiz,
-Marius