Rundbrief 5 - Marius im Irak 3

CPT-Rundbrief 5 - Marius im Irak 3 (03.07.2010)

 

Mittagessen im ZeltlagerDer Nachmittag beginnt mit zwei Ereignissen. Zuerst singt der Muezzin von der Moschee den Aufruf zum Gebet. Irgendwie wohne ich im Nahen Osten immer neben oder gegenüber einer Moschee. Nachmittags ist hier ein der talentierteren Muezzins dran; derjenige, der um halb vier morgens das Morgengebet verkündigen darf, weckt in mir nicht besonders fromme oder wertende Gefühle.
Das zweite Ereignis ist, dass der Ventilator und das Licht sich an- oder abschalten. Je nach dem Tag der Woche haben wir morgens oder nachmittags Elektrizität - ich habe noch keinen Regelmaß gefunden. Die restliche Zeit - etwa die Hälfte - erhalten wir Strom von einem gemeinsamen Generator neben der Moschee, oder den beiden Batterien im Wohnzimmer, die nur die Computer und das Internet an der Arbeit halten.
Mit zehn bis zwölf Stunden pro Tag Strom haben wir es hier in Sulaimaniya ziemlich gut getroffen. Der Rest des Irak hat etwa drei Stunden Strom pro Tag - trotz regelmäßige Versprechungen der Regierung es zu verbessern. Große Teilen des Netzwerks sind noch im ersten Golfkrieg beschädigt, als die Amerikaner fleißig Kraftwerken beschossen. Nun der siebten 50-Grad Sommer seit der Invasion so langsam beginnt, werden die Menschen ungeduldig. In Basra wurden bereits zwei Menschen von der Polizei während der Demonstration am Stromministerium erschossen. Der Minister hat inzwischen zurückgetreten - was die Sache wahrscheinlich auch nicht weiterhilft.
Noch ein Ort, wo sie keinen Strom haben, ist in dem Zeltlager für Vertriebene in Zharawa, wo wir Anfang dieser Woche auf Besuch waren. Innerhalb der kurdischen autonomen Zone, also Strom sollte eigentlich kein Problem sein, aber die regionale Regierung scheint nicht sehr begeistert das Leben von den 140 Familien, die vor etwa drei Jahren wegen des Beschuss über welch ich letztes mal geschrieben hab geflohen sind, zu verbessern.  Begründung, dass die Regierung nichts tut: Sie sind schon drei Jahre verschoben und sind darum "alte" vertriebenen; einige Familien mieten Zimmer im Dorf nebenbei, um das Elend der Lager zu entkommen; als das Lager geeignete Anlagen bekommt, muss man sie allen anderen Lagern auch geben.
Um den Ernst der Sache zu betonen, hörten wir während unseres Besuchs eine Art Rumpeln ein paar Täler entfernt. "Türkische Kampfflugzeuge", sagte jemand. Ich hatte den Ton nicht so schnell erkannt . Zehn Minuten später klingelte ein Handy. "Sie haben zwei Dörfer bombardiert," war die Nachricht.
Nach offiziellen Berichten, waren die Flugzeuge nur auf einem Erkundungsflug, wenn sie von der PKK mit Boden-Luft-Raketen angegriffen wurden. Dann feuerten die Flugzeuge natürlich zurück, was zur Zerstörung eines großen Stück Land von den beiden Dörfern fuhr. So lange es dort PKK gibt, bleiben die türkische und iranische Bomben fallen - und kann niemand daher sicher zurück in sein Dorf.
Die Bewohner des Lagers Zharawa habe die Hoffnung auf Rückkehr aufgegeben und haben geplant, ein neues Dorf zu bauen (darüber habe ich bereits was geschrieben). Unsere Zusammenarbeit besteht meistens daraus, mit den Dorfältesten zu Treffen mit der lokalen Regierung zu gehen, wie dem Bürgermeister. Die haben in der Regel absolut keine Lust die traditionell gekleideten Bergbevölkerung zuzuhören - aber einige Ausländer finden sie doch mal ganz interessant. Ich frage mich, wie oft sie noch überhaupt mit uns reden willen, jetzt dass sie langsam entdecken dass wir zwar eine internationale Organisation sind, aber gar kein Geld haben und eigentlich nur wollen dass sie mit den Dorfbewohner reden. Bis jetzt funktioniert es noch.

Weitere Nachrichten:
1) Ich war zwei Tage krank, aber jetzt geht es wieder. Unbedingt etwas falsches gegessen, oder es war WM-Entzug (jetzt dass "wir" Brasilien geschlagen haben geht es mir auch wieder viel besser. Fußball ist der einzige Ausreden für Nationalgefühl, behaupte ich).
2) Wir werden eine Art von Forschung anfangen, in der wir unseren Freunden und Kontakten aus dem Rest des Irak fragen, wie sie den Rückzug der US-Armee erfahren (1. September sollen alle Kampftruppen weg sein).
3) Wir sind jetzt zu viert, nach dem Ankunft des Amerikaners David, ebenfalls ein "Neuling" wie ich.
4) Mit einer Tür und zwei Schubladenkasten hat mein Zimmer jetzt einen Schreibtisch, wie das Zimmer eines diplomierten Philosophen auch haben soll.

Besonders über Thema 2), wahrscheinlich beim nächsten Mal mehr.
Auf Facebook könnt ihr Fotos von unserem Besuch in Zharawa sehen. Der folgende Link sollte auch für Nicht-Facebook-Nutzer funktionieren:
http://www.facebook.com/album.php?aid=181575&id=595949226&l=6ad2155337

Viele Grüße,

Marius

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