Rundbrief 6 - Marius im Irak 4

CPT-Rundbrief 6 - Marius im Irak 4 (17.07.10)

 

Hallo allen,

Dola SchahidanEs ist wieder Zeit für einen Rundbrief, damit ihr alle mitbekommt was mich so beschäftigt. Wir haben in letzter Zeit ein bisschen mehr zu tun gehabt - waren mehr unterwegs im "Feld", wo wir z.B. eine Nacht in dem euch bekannten Zharawa-Zeltlager verbrachten und zwei neuere Lager besuchten um über die Lage zu berichten. Darüber hinaus sind wir mit unserer Umfrage angefangen und haben die Spanier die WM gewonnen. In dieser Reihenfolge:

Es war eigentlich ein bisschen zufällig dass wir plötzlich unter den Sternen Reis, Brot und Joghurt aßen mit Babakir und seiner Familie im Zeltlager für Vertriebenen nah Zharawa. Wir hatten die Abend in der Nähe ein Gedenken für einen Opfer des Beschuss, und nachher war es zu spät zurück zu gehen. Zum Glück waren die Bewohner so gastfreundlich uns ein zu laden bei ihnen zu essen und übernachten.  Für eine Nacht (ohne Winterkälte oder Mittaghitze) ist es gut zu tun: draußen schlafen, keine Dusche, kein Strom, keine Gemüse (geschweige denn Fleisch) zum essen. Für mehr als eine Woche scheint es mir eine Probe. Babakir und seine Familie wohnen schon drei Jahre dort.
Niemand im Lager sprach Arabisch oder Englisch, und Mohammed, unser Dolmetscher, hatte frei, also das Gespräch war ziemlich beschränkt. Das hat aber niemand davon zurückgehalten es trotzdem zu versuchen und die fünf Worte Englisch der jüngeren Bewohnern, sowie unsere drei Worte Kurdisch, gaben uns genug Material bis es Zeit war, schlafen zu gehen. Kollegin Chihchun hatte Wörterbücher mitgenommen und ich hatte meine Notizen von unserer letzten Klasse Kurdisch dabei, und konnte daher Sätze sagen wie "Die Katze schläft" und "bist du verheiratet?" und solches.

Eine Woche später saßen wir nochmal in einem UNO-Zelt, dies Mal im Dola Schahidan-Lager, in welchem sich mehr als vierhundert Familien versammelt haben aus zwölf Dörfern. Sie sind die "neue" Vertriebenen, die ungefähr anderthalb Monat her die Flucht ergriffen haben da der Beschuss plötzlich stärker wurde. Die lokale Verwaltung hat ihnen einen Stück Land zugeordnet und sie dann vergessen. Sie haben Wasser und Zelten bekommen, und eine Lebensmittelration vom Roten Kreuz, welche offenbar für die Hälfte morsch war. Die Hügel und Bergen um das Lager sind voll Minen; es gibt kein Strom, keine Toiletten oder Duschen, keinen Schatten. Und sehr wenig Chance auf Wiederkehr.
Die Einwohner fürchten dass sie mit Ramadan nicht fasten können werden. Es ist jetzt viel zu warm, in ein Zelt zu wohnen - meiner Meinung nach ist es auch für ein Appartement in Sulaimaniya zu warm - und wenn es im Herbst anfängt zu regnen, wird der Fluss, der durch das Tal strömt, überlaufen und wird das ganze Lager vielleicht unbewohnbar werden. Und dann wird es Winter.
Einen Tag nach unserem Besuch hat der kurdische Ministerpräsident Barham Salih das Lager besucht, und versprach mehr für die Leute zu tun. Wir werden sehen.

Am gleichen Tag besuchten wir auch das Lager Gaudschar, nah der iranische Grenze, wo die Bewohner mit Holz und Blättern ein wenig mehr Schatten geschafft hatten. Die Hitze war natürlich immer noch glühend und diesem Lager fehlen nicht nur die gewöhnliche Elektrizität, Duschen und Toiletten, sondern auch gutes Wasser. Die junge Frau Rania aus Ali Rasch, einem von den drei Dörfern die sich im Lager Gaudschar versammelt haben, hat Nierenprobleme. Ihr Arzt sagt, es sei wegen des Wassers. Sie gaben uns was zum Trinken, wie es die Gastfreundschaft befehlt, aber es schmeckte tatsächlich ein wenig komisch und ich hatte nicht so viel Lust das Glas leer zu trinken.
Die Einwohner von Gaudschar können mit einigem Regelmaß zurück in ihre Dörfer, obwohl nicht ohne Risiko. Die letzte Zeit war es aber ruhig, und sie nahmen uns mit in das Dorf Sarchan, ungefähr eine Viertelstunde mit dem Auto entfernt, über einen steilen Schotterweg, unten im Tal.
Ehrlich gesagt hatte ich mir noch nicht so viel bei diesen Dörfern vorgestellt. Vielleicht, dachte ich irgendwo, sind die Dörfer genau so heiß und arm und elend. Nichts davon - Bäume und Baumgarten, ein Fluss mit Fisch und trinkbarem Wasser, große Häuser aus Stein und Lehm - viel Kühler als das Betonhaus in dem wir wohnen, geschweige denn so ein Zelt natürlich.
Und Krater und Granatscherben und zerbrochene Fenster und Mauern. Die Krater waren nicht so groß wie ich mir vorgestellt hatte, aber ich weiß natürlich gar nichts von Bombeneinschlägen.
Bilder: http://picasaweb.google.com/cptiraq.team/GawjarDolaShahidan#

Ich bemerke dass ich schon mal wieder eine ganze Menge geschrieben habe. Also, obwohl ich letztes Mal versprochen habe mehr zu erzählen über die Umfrage unter Freunden und Kontakten im Mitten- und Südirak, um mehr über ihre Ideen über die Zukunft zu erfahren, werde ich das nicht machen. Ich werde nur sagen: es ist deprimierend. Es kommen große Listen zurück mit Sachen die im Irak passieren müssen bevor das Land Frieden und Gerechtigkeit kennen wird - von "Änderung der Verfassung" bis "totale EntBaathifizierung" bis "ein Ende an der Korruption" - das Eine noch Unmöglicher als das Andere.
Vielen sagen, dass sie Angst haben dass die Politiker versagen werden eine Regierung zu formen, und dass dies die Gefahr eines Bürgerkrieges näher bringt. Leute sind auch pessimistisch über die Chancen für den Irak um ein Unabhängiges Land zu werden - obwohl manchen sagen dass Unabhängigkeit auch nicht so wichtig ist und dass sie schon ganz zufrieden wären wenn sie sicher auf die Straße könnten. Tscha.



Noch was deprimierendes (aber kurzfristiger), ist dass "wir" die Spanier nicht geschlagen haben. Das ist an sich schon schlimm genug, aber jetzt muss ich jedes mal das Leute entdecken dass ich Niederländer bin, anhören: "Holanda! Robbensneijder! Ah-- Espanja!" Na ja.

Ich werde diesen Rundbrief beenden, wie ich mir schon mal vorher vorgenommen habe, mit Gebetsanliegen.
Bitte, betet für Babakir, Bapir, Aschti, Serjan und die anderen die schon drei Jahren im Zharawa-Lager wohnen, und weder heimkehren noch neue Wohnungen bauen können.
Betet für Ranja, Bahar, Chadidscha, Hamed, Twana, Chidr und die anderen die in neuen Lagern wie Gaudschar und Dola Schahidan in Unsicherheit leben.
Betet für die Leute, die jetzt in Baghdad eine Regierung formen müssen - dass sie begreifen, dass wenn sie Versagen, es Tausenden das Leben kosten kann.

Danke,

Khwa Hafiz,

Marius